Die ersten Sonnenstrahlen nach dem Unwetter

Es geht mir wieder besser. Nach vier Fressattacken an vier Tagen hintereinander ist meine Fröhlichkeit endlich wieder zurück. Woran das liegt, weiß ich nicht. Doch ich habe heute mit einem guten Gefühl in die Mandel-Mono-Diät gestartet. Lief gut. Schmeckt gut. Und noch vor Anbruch des Abends hatte ich schon das Gefühl, abgenommen zu haben. Vielleicht ist jetzt zumindest die gesamte Schlacke der vorherigen Fressattacken rausgewaschen. 4.5l Cola Light habe ich heute getrunken. Das hat gut durchgespült. Im Training war ich leider etwas geplagt, da ich noch Muskelkater von gestern hatte. Barfußlaufen ist anstrengender als ich gedacht hätte. Aber es dürfte ja auch ein gutes Training sein. Mama will am Freitag ihren Geburtstag feiern. Mit einem Essen. Das müsste unter normalen Umständen ein rießiges Problem darstellen. Doch gerade fühle ich mich, als hätte ich die ideale Ernährungsform gefunden. Was für eine Rolle spielt schon eine Mahlzeit, die aus der Reihe fällt, wenn ich den Rest meines Lebens nur noch Mandeln essen werde? Ich kann das schaffen. Von außen auferlegte Mahlzeiten sind meist nicht das Problem. Das Problem bin ich selber. Ich. Die ich es nicht schaffe, meiner Sucht zu widerstehen. Schaue gerade eine Reportage über Magersucht an. Wie es der Zufall will, wurde sie in der Klinik gedreht, in die ich eingewiesen werden soll. Schon merkwürdig, wie das Leben mir gerade zuspielt. Heute viel an der Kette rumprobiert. Sie passt mir noch nicht ganz so wie es ist. Für den Wettkampf übernächste Woche werde ich vermutlich die Engelskette tragen. Und wenn es gut läuft nie wieder ausziehen. Außerdem habe ich beschlossen, auf Schokolade zu laufen. 48 Stunden vorher werde ich beginnen aufzuladen und dann bin ich am Sonntag definitiv laufbereit. Ich habe keine Ansprüche, ich will einfach nur über die Ziellinie kommen. Meine Gedanken sind viel bei meinem Arzt. Wie er da steht und mit mir redet. Redet über Dinge, die eigentlich gar nicht medizinisch relevant für mich sind. Als würde er nur mit mir reden wollen. Als würde er mich nur in seiner Nähe haben wollen. Doch vielleicht bilde ich mir das alles nur ein, weil ich bis über beide Ohren in ihn verknallt bin. Am Ende ist er verheiratet und hat Kinder und meine Welt wird zusammenbrechen. Ich sollte aufhören solche Dinge zu träumen. Andererseits spornt es mich an. Im Training, beim Essen, im Leben. Ich bin ein besserer Mensch unter diesen Gedanken. Doch selbst die Gedanken treiben mich halb in den Wahnsinn. Allein die Vorstellung, dass mich jemand anfasst, lässt alles in mir verkrampfen. Ich will das nicht. Ich will es und ich will es doch nicht. Eines Tages, falls ich jemals wieder einen Freund haben sollte, werde ich merken, ob ich es will oder nicht. Und er auch. Oder nicht. Aber das ist alles in weiter Zukunft. Bisher sind es nur Träume. Jedenfalls geht es mir momentan sehr gut mit den Mandeln. Sie sind gesund und haben viele Ballaststoffe. Das war der eigentliche Grund, weshalb ich mich für Mandeln entschieden habe. Sie machen satt und das ist genau das, was ich brauche. Wie das wohl in der Klinik wird, wenn ich mit anderen Essgestörten zusammen sein muss? Wird mich der Anblick von Magersüchtigen weiter krank machen? Sind die vielleicht so gut geschult, dass sie meine Essstörung erkennen werden? Ich kann mich ganz gut an einen Ernährungsplan halten, wenn er mir vorgelegt wird. Ich denke, das schaffe ich. Einerseits habe ich Angst dabei zuzunehmen, aber andererseits habe ich auch die Hoffnung dabei anzunehmen. Ich weiß, Gedanken ans Abnehmen sind Tabu. Aber ich kann es nicht ändern. Es würde mich reizen, zu sehen, wie sich mein Gewicht in sechs Wochen ohne Fressattacken verändern würde. Wie sich mein Körper verändern würde. Wenn ich Glück habe, dann ist die Klinik eh schon voll oder sie haben ewig Wartezeit, sodass ich entweder woanders hin darf oder dass ich noch eine Weile hier herumhängen darf. Langsam wird es extrem langweilig hier. Ich habe alles gemacht, was man machen kann. Ich könnte noch häufiger shoppen gehen und ich könnte noch mehr Sport machen, aber ich brauche wieder eine Beschäftigung! Das hier ist keine Lösung mehr! Wenn keine Zusage kommt, dann sollte ich ernsthaft darüber nachdenken, Freunde oder Bekannte besuchen zu fahren. Nur, um hier wieder herauszukommen. Mir fällt die Decke auf den Kopf!!! Ein weiterer Gedanke kam mir im Verlaf des Tages. Was, wenn der Arztbesuch zur OP-Nachbesprechung zur neuen Katastrophe wird? Was, wenn die Befunde wieder keine Erklärung für meinen Zustand liefern? Es wäre nur allzu gut möglich, dass er mir sagt, dass er mich nicht weiter behandeln möchte. So, wie es vor ihm bereits vier Ärzte getan haben. Ja, es könnte ein bisschen besser werden nach der OP. Doch es könnte auch sein, dass alles bleibt. Und dann? Dann bin ich in der Klinik letztendlich doch richtig. Ich werde meinen Job los und muss mit den Schmerzen auf dem freien Arbeitsmarkt bestehen. Ich möchte so gerne wieder ein berufliches Ziel haben, für das ich kämpfen will. Doch es fällt mir noch sehr schwer das zu sehen. Heute ist ein guter Tag, da geht es. Doch an vielen Tagen sehe ich gar nichts. Da gibt es nur mich und die Schmerzen und die laufende Sekunde. Nichts weiter. Ich werde schon was finden. Einen neuen Job. Notfalls muss ich halt hier weg. Aber auch das werde ich verkraften. Ich kann mir mein neues Umfeld auch überall sonst aufbauen. Habe eine Jobausschreibung gesehen auf einer Insel und direkt am Meer. Warum nicht sowas machen für drei Jahre? Und dann wieder hierher kommen. Was hält mich überhaupt noch hier? Mein Orchester. Aber auch das ist nicht mehr das gleiche. Und woauchimmer ich hingehe, ich werde einen anderen Musikverein finden. Vielleicht sollte ich doch zurück zu meinen Eltern und dort eine Affäre mit einem meiner Dirigenten anfangen. Er hätte ja glatt gar nichts dagegen und für mich wäre er eine dieser Personen, die einem Ort die gewisse Wärme und Geborgenheit gibt, die ich brauche. Die Geborgenheit, die mir mein Arzt hier gibt. Die Geborgenheit, die ich an meinem alten Arbeitsplatz leider nie hatte. Doch nun gilt es, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Nein, viele neue Kapitel aufzuschlagen. Kapitel 1: Wettkampf. Kapitel 2: Klinik. Kapitel 3: neuer Job. So viel ist es doch eigentlich gar nicht. Und eigentlich freue ich mich auf jedes einzelne dieser Kapitel. Ich schaffe das. Keine Ahnung woher, aber gerade überkommt mich eine Welle der Energie. Ich geh jetzt erstmal mein Zimmer aufräumen. Bis bald!

Kater-Beitrag

Der Morgen danach ist immer am schlimmsten. Man wacht auf und ist völlig aufgeblasen. Salz und Wasser und Fett am ganzen Körper. Man fühlt sich dreimal so schwer wie sonst. Die Knie schmerzen beim leichtesten Auftreten. Die Bauchwand schmerzt bei der kleinsten Berührung. Die Arme sind schwabbelig, die Oberschenkel fett, die Brüste angeschwollen. Ich fühle mich widerlich. Nie wieder will ich das durchmachen. Immernoch komisch, dass ich gestern nicht kotzen konnte. Aber nun ist es ja vorbei. Die Waage zeigte heute morgen 66.4kg an. Mein neues Höchstgewicht. Da war natürlich einiges an Darminhalt dabei. Dazu das ganze Salz aus der Wurst und der Mayo und dem Käse. Vermutlich wiege ich morgen schon wieder ein Kilo weniger. Was dann trotzdem noch viel zu viel wäre. Ich bin zu fett. So sollte ich gar keine Wettkämpfe laufen. Das ist völlig lächerlich. Alles schwabbelt, während alle anderen nur aus Muskeln bestehen. Aber darüber möchte ich momentan gar nicht nachdenken. Fakt ist, dass ich heute schon wieder nicht trainieren kann und dass ich an meine Essstörung schon wieder drei Tage verloren habe. Den ganzen Tag lang lag ich nur im Bett. Eigentlich wollte ich in die Kirche aber selbst dazu habe ich mich zu fett gefühlt. Zu fett und zu unrein. Dieses merkwürdige Gefühl „unrein“ das eigentlich auf gar keinen festen Kriterien beruht sondern nur auf einem Gefühl, das die Essstörung mir vermittelt. Als würde etwas an mir kleben, das mich hässlich und wertlos macht. Das gibt es natürlich nicht und mein Körper ist auch nicht über Nacht unglaublich fett geworden. Im Gegenteil. Ich bin überrascht, wie definiert mein Bauch noch ist. Da ist eigentlich keine Fettschicht dazugekommen. Aber ich fühle mich einfach schwerfällig und faul. So kann ich unmöglich ins Training gehen. Aber darauf kommt es eh nicht an. Vielleicht sind kohlenhydratfreie Fressattacken doch besser als die mit Kohlenhydraten. Jedenfalls fühle ich mich deutlich besser als an anderen Tage nach Fressattacken. Was ist also meine Motivation momentan? Schon der Wettkampf. Im Kopf gehe ich die ganze Zeit die Ernährung davor und danach durch. So viele Ideen habe ich. Und gleichzeitig so eine große Angst, dass alles wieder schief läuft und ich kurz vorher wieder Fressattacken bekomme und den Wettkampf vollgefressen und mit Sodbrennen laufen muss. Ein Mal – nur ein einziges Mal – möchte ich einen Wettkampf laufen und mich dabei leicht und unbeschwert fühlen. Hatte ich das jemals? Letztes Jahr lief ich einmal am Tag nach dem Kotzen, einmal nach einer Gummibärchen-Monodiät, einmal nach einer Eier-Monodiät. Und jedes Mal schwanden meine Kräfte nach nur wenigen Kilometern. Ich muss kurz vor dem Wettkampf umsteigen auf gesunde Ernährung. Mir kam heute der Gedanke, dass ich Müsli essen sollte. Da ist alles drin, was der Körper brauchen könnte. Und kein Salz, das heißt eine größere Gewichtszunahme brauche ich nicht zu fürchten. Ja. Das müsste die beste Lösung sein. Müsli. Drei Tage vorher oder fünf Tage vorher. Das kann ich mir noch überlegen. Der Wettkampf wird in einer Stadt sein, in der D vielleicht wohnt. Jedenfalls zeigt Google das manchmal so an. Ob er wohl da sein wird? Mir zuschaut? Ich kann auf jeden Fall davon träumen. Es würde mich anspornen. Sonst habe ich nicht viele Träume, die mit diesem Wettkampf assoziiert wären. Ich laufe ihn hauptsächlich für mich selber. Weil ich mir selber zeigen will, dass ich es noch kann. Und weil ich einen neuen Ansporn brauche. Mein Leben hat sonst keinen Inhalt. Die Klinik in die ich danach soll, ist auf Depressionen und Essstörungen spezialisiert. Was für ein Zufall… Eines Tages, wenn ich meine Essstörung komplett überwunden habe, will ich auch Patienten mit Essstörungen helfen. Ihnen zeigen, wie man da wieder raus kommt. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg für mich. Heute war die Versuchung zum Glück nicht so groß. Jetzt gerade riecht es hier in der Wohnung nach Pizza und ich bekomme Lust auch eine zu essen. Doch die Nachwirkungen von der letzten Fressattacke sind noch präsent. Ich will nicht essen, sondern leben und glücklich sein. Gestern war der reinste Alptraum. Seit heute Nacht trage ich die Kette, die ich mir neu bestellt hatte. Ich fühle mich, als hätte ich sie verdient. Warum? Nach dem Schreiben gestern fühlte ich mich merkwürdig erleichtert. Als hätte ich einen großen Pickel ausgedrückt (widerlicher Verlgeich, ich weiß^^). Es war die Geschichte, wie ich mir vor D in die Hosen gemacht habe, die ich mir endlich vom Herzen geschrieben hatte. Das hat mir wirklich sehr geholfen. Vielleicht war auch diese Geschichte einer der Steine, unter denen meine Fröhlichkeit vergraben war. Und der ist nun gelüftet. Viele weitere Steine warten darauf, entfernt zu werden. Mit jedem Tag, an dem ich nicht fresse, lüftet sich einer. Von ganz alleine. Andere Steine muss ich aktiv beiseite schaffen. Welcher soll als nächstes dran sein? Die Tatsache, dass ich meinen Arzt angelogen habe, lastet nun auch schon seit einer Weile auf mir. Aber das belastet mich längst nicht so sehr und kann auch wann anders noch thematisiert werden. Das Wichtigste für jetzt ist es, dass ich heute durchhalte. Die Abführmittel sind schon seit einer Weile wieder aus meinem Verdauungstrakt ausgetreten und den Salz hoffe ich mit viel Cola Light wegzuspülen. Davon habe ich heute schon 5 Flaschen getrunken. 7.5l. Wow, Klingt ziemlich viel. Sonst habe ich auch nicht viel gemacht bisher. Filme geschaut, geschlafen, Vokabeln gelernt, gegessen, wenig gelesen. Das Wetter war nicht besonders. Wäre sonst gerne rausgegangen. Hoffentlich kann ich heute abend noch trainieren gehen. Es muss nicht lange und nicht intensiv sein, aber ein kurzes Training hebt die Stimmung und freut die Waage morgen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass das nur eine kurzfristige Gewichtsabnahme ist, aber die Motivation, die ich daraus ziehe, die hält deutlich länger an. Zehn Tage lang möchte ich dieses Mal nur Eier essen und danach auf Müsli umsteigen. Das sollte als Energieträger für den Wettkampf reichen. Und schon wieder bin ich beim Thema. Es beschäftigt mich eigentlich nicht so sehr. Aber was anderes gibt es in meinem Leben momentan nicht. Ich werde mich jetzt noch ein wenig hinlegen und dann die Sportschuhe schnüren. Mal schauen, wie weit ich komme. Der Hausmeister hat mir heute Schokoriegel geschenkt. Ich habe sie in meinem eigenen Urin mit den Händen zermatscht. Und es tat unheimlich gut. Ein Befreiungsschlag. Die Nahrung, die sonst in meinem Magen gelandet wäre und dort meine Seele kaputt gemacht hätte, landete so im Abfluss ohne den Umweg durch meine Gedärme zu nehmen. Und mir geht es so viel besser dabei. Langsam bekomme ich schon wieder Hunger. Ein sehr gutes Zeichen. Wenn ich Glück habe, habe ich die letzten drei Fresstage ohne größeren Schaden überstanden. Auch wenn ich mich fühle, als hätte ich 1000 kg zugenommen, von den Kalorien her dürften es höchstens 1kg gewesen sein. Ich werde es in den nächsten Tagen sehen, wie weit mein Gewicht sinkt. Ich muss keinen neuen Niedrig-Rekord aufstellen. Es reicht mir schon, wenn ich ein paar Tage ohne Fressen und Kotzen auskomme. Dann wird wieder ein Stein gelüftet sein. Und ich bin der Heilung einen Schritt weiter.

Fressattacke Nr 3

Was für ein Alptraum heute. Essanfall Nr. 3. Mandeln. Erst wollte ich nur eine Tüte essen, daraus wurden zwei – ich wollte ja richtig satt werden. Und daraus wurden drei – ich wollte so viel essen, bis mir schlecht wurde. Weil damit eventuell das Verlangen nach dem Essen verschwinden würde. Tut es nicht und das weiß ich eigentlich, aber meine Essstörung pflanzt mir diese Gedanken manchmal noch ein und zwar so, dass sie mir in diesem Moment tatsächlich sinnvoll erscheinen. Und als nach der dritten Tüte Mandeln immer noch das Verlangen nach Essen da war, ging‘s halt wieder zum Supermarkt. Wurst, Käse, Oliven, Mayo. Kohlenhydratfrei, damit‘s später wieder besser hochkommt. Blöd nur, dass überhaupt gar nichts hochkam. Nichts! Ich trank den ganzen Kübel leer – das dürften etwa drei Liter sein – und nichts kam. Alptraum. Mein Magen war so überdehnt, dass ich befürchtete er könne jederzeit platzen. Und trotzdem kam nichts. Aus irgendeinem Grund habe ich es nicht einmal als so tragisch angesehen. Ich saß auf dem Boden dor der Toilette und hing über der Kloschüssel, während mein Blick Richtung Himmel ging. Wenn es einen Gott gibt, warum tut er mir das dann an? Warum? Mir geht es miserabel! Und keiner merkt es, keiner hört mich, keiner sieht mich. Alle denken, ich sei normal und hätte bloß mal zu viel gegessen oder mal gekotzt, weil ich abnehmen wollte. Ich will nicht abnehmen! Und mir fehlt auch nicht die Disziplin, um normal zu essen! Ich leide an einer Sucht und ich schaffe es einfach nicht, sie wieder loszuwerden. Sie zerstört mein Leben, infiltriert alles. Hindert mich am abnehmen, am trainieren, am arbeiten, am musizieren. Alles, was mir jemals etwas bedeutet hat, ist dieser Scheiß-Sucht zum Opfer gefallen. Ich bin mit ziemlich sicher, dass ER etwas für mich empfindet. Und doch werde ich niemals mit ihm zusammen sein können, solange diese Sucht in mir lebt. Niemals. Viele Jahre ist es her, da verlor ich die Liebe meines Lebens an die Sucht. Ich hatte eine Fressattacke und musste kurz drauf mit ihm reden. Musste? Durfte, hatte die Ehre, das Vergnügen. Doch ich hatte zu viel getrunken nach meinem Anfall und meine volle Blase machte mir einen Strich durch die Rechnung. Vor seinen Augen lies ich es einfach laufen. Ich dachte in meinem Rock würde er es nicht bemerken. Doch er merkte es natürlich. Ich wollte auch nicht alles laufen lassen. Nur ein bisschen, um meine volle Blasen vielleicht zur Hälfte zu leeren. Doch es plätscherte nur so unter meinem Rock hervor. Der ganze Boden unter mir war nass. Der Rock und die Stiefel durchtränkt. „Musst du irgendwie auf die Toilette oder so?“ fragte er. „Nein“ log ich. „Soll ich gehen?“ er. Kopfschütteln meinerseits. Wir redeten noch eine Weile, doch es war strange. Mit vollgepinkelter Hose. Ich wollte im Boden versinken. Konnte ihn kaum anschauen. Er war wunderbar und schaffte es irgendwie den Rest des Gesprächs zu retten. Doch danach war alles anders. Wir konnten nicht mehr reden. Er war weg. Ganz weit weg. Und meine Essstörung war Schuld daran. Meine Sucht. Jetzt gerade habe ich die Chance alles wieder gut zu machen. Mit jemand anderem endlich glücklich zu werden. Ich darf die Chance nicht entgehen lassen. Ich darf nicht. Einfach nur zu schreiben reicht schon, um die Essattacken abzuwehren. Mehr braucht es nicht. Eine halbe Stunde schreiben. Das werde ich doch wohl schaffen. Meine Motivation? Nicht der Wettkampf. Ich hasse Wettkämpfe und der Wettkampf wird auch nichts an meinem Leben ändern. Auch nicht mein Aussehen oder mein Gewicht. Ich will einfach nur normal sein, damit ich mit IHM zusammen sein kann. Eine Beziehung haben, zusammenziehen, Kinder… das ganze Programm. Mit IHM kann ich es mir wieder vorstellen. Ich weiß wieder, wie es sich anfühlt, Schmetterlinge im Bauch zu haben. Für heute bin ich durch. Mein Bauch tut noch immer weh und es war echt anstrengend, so vollgefressen durch die Stadt zu laufen und einzukaufen. Und trotz alledem meldet sich meine Essstörung schon wieder zu Wort. Für heute ist doch sowieso alles egal. Im Regal deines Mitbewohners ist noch Müsli. Gönn dir doch noch einmal was Gutes, bevor morgen alles vorbei ist. Morgen wird nicht alles vorbei sein. Morgen geht der Kampf erst richtig los und wenn ich jetzt fresse, dann geht es mir den Rest der Nacht beschissen. Und morgen früh auch. Um genau zu sein: Wenn ich heute abend fresse, dann werde ich morgen keinen Neuanfang begehen können.

ICH HASSE NEUANFÄNGE

Ich hasse das Essen. Ich will nicht Essen. Ich will nicht ans Essen denken. Ich will kein Essen in meiner Nähe haben. Ich will kein Essen sehen, nicht riechen, nicht schmecken. Ich will nie wieder etwas in den Mund nehmen und schlucken. Und doch weiß ich, dass es passieren wird. Ich habe Angst vor dem Essen und dem, was es mit meinem Leben machen kann und gemacht hat. Alles hat es kaputt gemacht. Alles. Ich habe D verloren. Ich habe mein Abo verbaut, mein Examen verbaut, meinen Job verloren, meine Lebensqualität verloren. Die letzten 10 Jahre meines Lebens drehten sich nur noch ums Essen. Entweder ums reduzieren oder ums Fressen oder um den Kater nach dem Fressen. Ein „Normal“ gab es gar nicht mehr. Mein ganzes Leben war unglücklich. Und heute? Bin ich keinen Schritt weiter, obwohl ich die Lösung in der Hand halte. Ich schaffe es bloß nicht, es durchzuziehen. Was war heute los? Ich hatte Hackfleisch mit Käse gegessen, weil ich mir einbildete, das sei gesünder als nur Hackfleisch. Mein Körper bräuchte schließlich das Calcium. Sagte meine Essstörung. Und dann? Aß ich den Rest der Wurst von gestern. Und den Käse und die Soße von letzter Woche. Dann ging‘s ab zum Supermarkt und ich aß noch eine ganze Packung Müsli und Kekse. Danach war mir so ein bisschen schlecht, aber nicht so stark. Mein Magen war ja noch vorgedehnt von gestern. Achso: Und die zweite Pizza von gestern aß ich auch noch. Eigentlich eine recht große Binge. So kam es auch, dass ich selbst nach 20 Mal Kotzen noch so richtig voll war. Von 14Uhr bis 18Uhr habe ich gefressen. Dann gekotzt bis zwanzig vor acht. Beinahe hätte ich mein Orchester verpasst. So lange habe ich gekotzt. Ohne zu merken, wie die Zeit vergeht. Das Essen kam nicht richtig. Gerade das Müsli, welches ich für besonders kotzbar hielt, wollte einfach nicht hochkommen. Bis ganz zum Schluss noch kamen große Schlucke davon hoch. Zwischendrin blieb mir die Haarklammer wieder im Hals hängen. Nicht sonderlich lange und ich hatte auch nur eine mittelgradige Panik dabei. Aber sie hing. Nur dass ich dieses Mal schlau genug war, sie nicht mit Gewalt herausziehen zu wollen, sonder sie langsam und vorsichtig zu Lösen. Meine größte Angst dabei war sowieso nicht, dass die Haarklammer stecken bleiben könnte, sondern dass ich danach nicht mehr weiterkotzen könnte. Wie krank!!! Danach wurde fröhlich weitergekotzt. Mit der Hand. Die Haarklammer war mir dann doch zu riskant. Aber es lief nicht gut und am Ende hatte ich noch ziemlich viel Müsli intus. Blöd, denn nun fühle ich mich absolut wertlos und fett. Meine Beine schrubbeln schon wieder aneinander. Auch wenn ich den Hintern ganz weit nach hinten strecke und meine Oberschenkel nach außen drehe, dann berühren sich die Innenseiten noch und das spüre ich bei jeder Bewegung. Es ist widerlich. Ich hasse mich selber. Das sind die Momente, in denen meine Essstörung präsenter ist denn je. Ich will wieder neu anfangen. Und strenger sein. Und mehr abnehmen. Und schneller abnehmen. Und ein neues Rekordniedriggewicht aufstellen. Dabei sind es genau diese Diäten, die mich krank machen. Aber andererseits brauche ich einen strengen Ernährungsplan, denn sonst läuft mein Essen noch häufiger aus dem Ruder. Hey, immerhin habe ich letzte Woche neun Tage ohne Fressanfall durchgehalten. So lange habe ich es seit einer Ewigkeit nicht mehr geschafft. Neun Tage. Ob es wohl realistisch ist, dass ich mit Mandeln 14 Tage durchhalte? In 14 Tagen ist der Wettkampf. Bis dahin darf ich keinen Fressanfall mehr haben, sonst wird es nicht gut. Also 14 Tage durchbeißen, komme, was wolle und danach ab in die Klinik. Sechs Wochen. Alles Stück für Stück angehen. Ich muss mich nur dran halten. Wenn ich wirklich nicht essen will, dann muss ich auch nicht essen. Dann kann ich auch einfach schreiben. Momentan gerade will ich nicht essen und es gelüstet mich auch nicht wirklich. Ich will einfach nur, dass mein Magen sich endlich wieder entleert und ich wieder normalen Hunger verspüre, um dann essen zu können und das Essen zu genießen. Ich will nie wieder fressen. Auf meinem Schreibtisch stehen noch die Reste des Müslis von heute Nachmittag. Widerlich, ekelhaft, ungesund, abstoßend, zum Kotzen. Essen ist zum Kotzen! Mein einziger Hoffnungsschimmer ist die Tatsache, dass ich ein Youtube-Video gesehen habe, in dem eine Userin sagt, dass die Mandel-Mono-Diät zu unheimlich schnellem Gewichtsverlust führt. Jap! Genau das brauche ich jetzt, um mich wieder aufzubauen. Schneller Gewichtsverlust. Nachdem ich bis morgen vermutlich einen unglaublich schnellen Gewichtsanstieg hingelegt haben werde, muss ich schnell wieder abnehmen. Und Mandeln sollen ja beim Abnehmen helfen, haben viele Ballaststoffe und Vitamine und halten satt. Hoffentlich hilft‘s. Ich kann nämlich nicht mehr kotzen. Mein Hals und meine Ohren tun weh. Ich habe Sodbrennen. Meine Zunge brennt von der Säure und ich weiß, wenn ich morgen noch einmal kotze, dann wird noch viel mehr drin bleiben. Ich hätte nur Fleisch und Käse essen dürfen. Das kommt immer problemlos an die Oberfläche. Doch die beschissenen Kohlenhydrate, die kleben sich immer so im Magen fest und können kaum rausgespült werden. Außerdem kontrahiert der Magen einfach besser, bei Fetten und Eiweißen. Heute war ein komischer Tag. Obwohl ich die halbe Nacht wachlag, habe ich nicht geschlafen, sondern war die ganze Zeit wach. Und jetzt ist es auch schon fast 2Uhr nachts. Ich werde noch ein wenig Cola Light trinken. Doch auch damit sollte ich aufhören. Es ist eine Ersatz-Handlung und ich sollte keine Handlung ersetzen, sondern meine Gewohnheiten ändern. Mich immer mit Cola vollzupumpen ist ja auch keine Lösung und immerhin eine ziemliche Einschränkung, allein schon, weil ich danach eine Stunde lang das Haus nicht verlassen kann zwecks Toilette. Morgen kommt hoffentlich mein neuer Kettenanhänger. Den alten Schmuck habe ich schonmal abgelegt. Ich bin so fett geworden. Mein Bauch wölbt sich so richtig vor. Darunter sind einige Muskeln dazugekommen in der Zeit, in der ich keine Fressattacke hatte. Das merke ich immer recht schnell. Keine Fressattacke bedeutet gleich auch regelmäßiges Training und mehr Muskelaufbau. Doch irgendwann schlägt die Sucht immer wieder zu. Wie war das damals vor knapp einem Jahr, als ich es bis zu vier Wochen lang durchgehalten habe?!?! War da immer die Hoffnung, dass ich nach vier Wochen geheilt bin? Weshalb hatte ich damals die Kraft durchzuhalten. Zum einen müsste es daran liegen, dass ich noch nicht gekotzt habe. Heute kann ich mich schnell erleichtern, wenn auch nur ein wenig. Zum anderen dachte ich wirklich, dass ich komplett geheilt werden kann. Heute weiß ich, dass dieser Dämon für immer in mir wohnen wird. Ich kann ihn zeitweise unterdrücken, doch ganz verschwinden wird er nie. Wenn wich weiterhin nur Mandeln essen kann, dann werde ich früher oder später soziale Probleme bekommen. Doch darüber will ich jetzt gerade gar nicht nachdenken. Es geht ab jetzt nur noch um den Wettkampf. Zwei Wochen. Das sollte doch möglich sein! Mein Mund brennt von der Säure, mein Gaumen ist wund. Mein Bauch ist fett. Meine Speiseröhre brennt. Mein Hals schmerzt. Warum tue ich mir das immer wieder an? Ich will mich selber hassen, war einer der letzten Sätze, an die ich mich erinnere. Was habe ich davon, wenn ich mich selber hasse? Treibt mich das dazu, den nächsten Neuanfang besser zu gestalten? Nein, tut es nicht. Es verbaut mir nur den Tag. Gestern war so schön. Der Arzttermin. So viele wunderbare Erinnerungen schweben in meinem Kopf. Doch sie werden alle unter der Essstörung begraben. Jeder Fressanfall ist wie ein Stein, der auf meine Seele plumpst und sie langsam aber sicher unter sich begräbt. Und jede Mahlzeit, die ich zu mir nehme, ohne eine Fressattacke zu haben, räumt einen Stein wieder auf. Jede normale Mahlzeit ist wie ein Sonnenstrahl in meinem dunklen Tunnel, aus dem ich nun seit über 10 Jahren nicht herauskam. Ich will da aber raus. Nicht, um Wettkämpfe zu laufen. Nicht um dünn zu sein oder gut auszusehen. Sondern einfach nur um glücklich zu sein! Verdammt!!! So viele Jahre war ich unglücklich und zu Tode betrübt. Mehrmals habe ich versucht mich umzubringen. Und warum? Wegen einer beschissenen Essstörung. Wegen etwas, was eigentlich Spaß machen sollte und vielen Menschen eher Freude bereitet. Dieses Etwas hat mir das Leben verbaut. Bis jetzt. Ich sollte es keinen weiteren Tag in mein Leben hineinlassen. Ich habe es verdient endlich wieder glücklich zu sein. Mit den Mandeln fühle ich mich ganz gut angefüllt und satt. Und sie sind gesund, liefern mir Eiweiß und Fette und Ballaststoffe, daher könnte ich mir sehr gut vorstellen, die Mandel-Mono-Diät länger durchzuhalten. Mal schauen, wie lange. Und wenn es nur ein Tag ist. Ein glücklicher Tag ist besser als nichts. Nun bin ich todmüde. Freue mich schon auf mein Frühstück. Auch, wenn mir ein langweiliges Wochenende bevorsteht, so bin ich zumindest mit Lesestoff eingedeckt und werde Klarinette üben. Laufen – mal sehen. Mir fehlt gerade wieder die Motivation. Zumindest bis zum Wettkampf. Irgendwie glaube ich einfach, dass ich total versagen werde. Dass ich eigentlich gar nicht so gut bin, wie ich mir immer erträume im Training. Aber ich werde es ja dann sehen und danach geht‘s sowieso in die Klinik. Die werden mich dann wieder aufbauen. Morgen wird ein Neuanfang. Ich hasse Neuanfänge. Sie machen mir überhaupt keinen Spaß. Das liegt daran, dass ich weiß, dass sie nie funktionieren. Dass bisher noch jeder einzelne Neuanfang gescheitert ist. So wird es auch dieses Mal sein. Dieses Tagebuch ist gescheitert. Die kohlenhydratfreie Ernährung ist gescheitert. Das Wettkämpfe-Laufen ist gescheitert. Es gibt nichts, was mich noch retten könnte. Ich werde für immer in diesem Elend gefangen bleiben. Für immer.

Rückfall Nr. 1 :(

Ich habe es schon wieder getan. Erst heute morgen habe ich die Eier-Diät beendet und keine 6 Stunden später fresse ich schon wieder alles in mich hinein. Alles. Egal ob Kohlenhydrate oder Fett, egal ob mein eigenes Essen oder das von meinen Mitbewohnern, egal ob es mich sechs Euro kostet, wo ich doch sonst jeden Cent umdrehe. Und egal, ob die Lebensmittel seit zehn Tagen in einer schwarzen Plastiktüte auf meinem Balkon in der Hitze vor sich hingammeln. Jap. Ich habe es tatsächlich getan. Die Tüte hereingeholt und aufgerissen. Aufgeweichte Nüsse, zerflossene Schokoriegel, Müsli… Mmmmmmmüsli. Das war noch lecker. Dazu geklaute Milch mit Süßstoff. Geil. Danach gings noch zum Supermarkt für Pizza, Kekse, Eis und Wurst. Wobei ich die Wurst gar nicht erst geöffnet habe. Die werde ich wohl oder übel unangetastet zurück in die schwarze Tüte tun. Und dann? Das ganze wieder auf den Balkon stellen und eine weitere Woche gammeln lassen?!?! Haha! Nein! Ich will nicht. Ich hatte meine Motivation, um bis heute durchzuhalten: der Arzttermin. Den habe ich toll hinter mich gebracht. Meine schlanken Beine und mein durchtrainierter Bauch haben schon guten Eindruck gemacht, denke ich. Leider musste ich heute morgen feststellen, dass ich nicht unter 59kg wiege, sondern wieder auf 60,0kg hochgegangen bin. Schade. Aber darum geht es ja auch nicht so direkt. Ich möchte doch eigentlich bloß, dass ich mich selber in meinem Körper wohl fühle. Ob das nun bei 58kg oder bei 64kg der Fall ist, spielt doch gar keine Rolle. Und momentan fühle ich mich sehr wohl. Mein nächstes Ziel: Bis zum Wettkampf keine Fressanfälle mehr. Den Wettkampf will ich mir unter gar keinen Umständen verbauen. Klar ist, dass ich mit zu wenig Essen im Bauch besser abschneiden werde, als mit zu viel Essen im Bauch. Oder gar frisch gekotzt. Oder auf Mono-Diät. Ich werde mir einen einfachen, kohlenhydrat-betonten Ernährungsplan mit 2500kcal zusammenstellen. Ich kann das schaffen. So, wie ich gerade 10 Tage durchgehalten habe, möchte ich ab jetzt 17 Tage durchhalten. Bis zum Wettkampf. Und einmal im Leben glücklich laufen. Wie sehr ich mich in der Vergangenheit immer danach sehnte, einfach glücklich zu sein bei dem was ich tue. Aber mir ging es bisher immer beschissen. Überfressen vor Nervosität. Aber nicht dieses Mal. Ich werde bis drei Tage vorher nur Fleisch essen und danach anfangen Kohlenhydrate aufzuladen. Und nach dem Wettkampf muss ich in die Klinik. Für sechs Wochen. Das könnte mein nächstes Ziel sein. Sechs Wochen Klinik ohne Fressattacken überstehen. Und danach… danach war es dann schon eine Ewigkeit und ich werde längst geheilt sein. Eigentlich dachte ich, dass mein Paket mit dem neuen Kettenanhänger heute ankäme, aber ich hatte mich getäuscht. Die Enttäuschung hat mich eventuell auch ein wenig zu dieser Fressattacke getrieben. Aber was waren die Hauptgründe? Meine Essstörung sagte du darfst fressen, weil: 1. DU hast eine Diät gemacht und die sind ja bekanntlich verboten. 2. Du hast dich gewogen und das ich bekanntlich auch nicht gut. Und 3. Du hast zugenommen und wirst auch weiterhin noch zunehmen. Es stimmt. Ich hatte nach nur einer Mahlzeit nach der Eier-Diät schon deutlich zugelegt. Aber nicht so schlimm. Im Vergleich zu vorher bin ich immernoch dünner. Das ist mir dann leider erst aufgefallen, als die Stimme meiner Essstörung wieder verstummt war. Immerhin hat es fast die ganze Zeit über gut geschmeckt und kam ziemlich gut wieder hoch. Ungefähr fünfzig Mal dürfte ich erbrochen haben. Was ziemlich wenig ist, angesichts der großen Menge an Essen, die ich zu mir genommen habe. Aber zusammen mit 160 Schlucken Wasser kam‘s nur so geschossen. Und ganz zum Schluss kam fast nur noch Hackfleisch, was ja meine erste Mahlzeit war. Es war so schön nachzuvollziehen, in welcher Reihenfolge ich das Essen zu mir genommen hatte, denn genauso kam es auch wieder raus. Erst die Pizza mit Eis, dann viel Müsli, dann lange das zähe Toast mit Erdbeermarmelade und Erdnussbutter. Dazu die Nüsse. Und zum Schluss das Fleisch. Bulimie ist schon was widerliches. Meine Hände stinken noch nach Kotze. Nach einer Mischung aus Fertigprodukten und Magensäure. Wobei ein ganz bestimmter Zusatzstoff beim Geruch besonders heraussticht. Irgendwas aus den Schokoriegeln. Der Geruch klebt an meinen Händen, meinem Gesicht und allem, was sonst noch mit dem Erbrochenen in Berührung kam. Ich sollte mich widerlich fühlen. Doch glücklicherweise bin ich momentan recht zufrieden mit mir selber. Ich bin leergekotzt und bekomme langsam sogar wieder Gelüste auf Essen. Es sind noch 333g Hackfleisch da, sollte ich wieder ernsthaft Hunger bekommen. Bis dahin werde ich mich noch mit Cola Light anfüllen. Und dann möchte ich tanzen. Endlich mal wieder! So lange habe ich das vernachlässigt. Aber heute ist mir danach. Nach dem wunderbaren Arzttermin hege ich richtige Glücksgefühle. SO lange haben wir uns noch unterhalten und ich habe ich mich richtig, richtig gut gefühlt. Das meinte ich gestern mit „Menschen, die mir etwas bedeuten“. Menschen, die mir Energie geben. Menschen, die mir positive Gefühle vermitteln, Menschen, die mir ein Lächeln auf das Gesicht zaubern, wenn ich nur an sie denke. Traurigerweise sind das fast nur Ärzte. Zu anderen Menschen habe ich momentan eher wenig Kontakt. Meine ganzen Freunde arbeiten schon und sind mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Aber Hauptsache ist doch, dass ich wieder lächeln kann. Ich brauche kein Ziel, ich brauche keine Motivation, ich brauche keine Zukunft. Gerade kann ich einfach lächeln, weil ich glücklich bin. So sollte das Leben eigentlich immer sein.

Körper gut – alles gut!

Ich liege im Bett. Mitten am Tag. Zu schwach, um aufzustehen. Zu deprimiert, um nach vorne zu schauen. Manchmal reicht ein einziger Anruf, ein kurzes Gespräch, ein einziger Satz, um mich komplett aus der Fassung zu bringen. Ich werde entlassen. Mein erster Job und ich werde ihn verlieren. So viel hat es mir bedeutet damals und nun ist alles vorbei, bevor ich richtig darüber nachdenken kann. Werde ich jemals wieder etwas neues finden? Der gesuchte Berufszweig ist an für sich gesucht. Aber was, wenn genau zu dem Zeitpunkt nichts frei ist? Und muss ich dann umziehen? Mir ein neues Umfeld aufbauen? Neue Gewohnheiten finden? Neue Person kennenlernen, die mir etwas bedeuten? Hier habe ich momentan alles, um glücklich zu sein. Außer dem Glück selber, das ist weg. Einfach nicht da. Ich kann nicht mehr lächeln und mich nicht mehr freuen. Ich habe keinen Antrieb und kein Ziel.Wo sollte ich auch hin? Ich habe alles schon erreicht, was ich jemals erreichen wollte. So viele Dinge sind mir einfach zugeflogen. Und nun weiß ich nicht mehr so recht, wo ich hin will. Doch. Eigentlich habe ich erst vor Kurzem ein neues berufliches Ziel gefunden. Doch wäre ich wirklich bereit, dafür alles hinter mir zu lassen? Die Menschen hier? Mein Orchester? Meine Trainingsstrecken? Meine Mitbewohner? Ich will, dass alles so bleibt, wie es ist. Zu wichtig ist mir das Leben, das ich mir hier aufgebaut habe. Für große Umbrüche bin ich momentan nicht stabil genug. Doch irgendwann muss ich anfangen zu arbeiten. Irgendwann muss ich mein eigenes Geld verdienen und auf eigenen Beinen stehen. Aus der WG raus, ein neues Orchester finden. Wenn ich wenigstens in der Nähe bleiben könnte, dann müsste ich nicht alles aufgeben, was ich mir hier aufgebaut habe. Ich könnte im Anschluss noch einmal für drei Jahre in diese Stadt zurückkehren. Bis dahin werden schon fünf Jahre vergangen sein. Fast so lange, wie ich insgesamt schon hier bin. Wer weiß, was sich bis dahin noch für Änderungen ergeben. Und vielleicht fällt mir die Trennung von meinem alten Leben leichter, wenn ich sie Schritt für Schritt begehe. Erst den Wohnort aufgeben, dann das Training, dann das Orchester. Ich kann nicht für immer hier bleiben. Es war eine gute Zeit. Neue gute Zeiten liegen vor mir. Vor lauter Zukunftsängsten bleibt fast kein Raum für meine Essstörung mehr. Nach dem Telefonat heute, blieb ein überwältigendes Verlangen nach einer Fressattacke zurück. Die Völlerei, die anschließenden Magenschmerzen und der darauf folgende „Fress-Kater“ hätten meine Gedanken auf jeden Fall ausgelöscht und mir ein Gefühl der Ruhe vermittelt. Nichts wird besser vom Essen, doch das Essen hat die Macht meine Gefühle zu verschieben. Vom Hass auf andere hin zum Hass gegen mich selber. Es ist einfach, sich selber zu hassen. Andere zu hassen dagegen ist schwer. Ich will niemanden hassen. Das schönste wäre, wenn die Welt komplett im Einklang wäre. Doch das ist sie nunmal nicht. Eines Tages werde ich an meinem großen Ziel angekommen sein und mir denken, wie einfach der Weg doch war und wie viele Gedanken ich mir unnötigerweise darüber gemacht habe. Bald werde ich entlassen. Meine Angst vor diesem Weg ist ist rießig. Gerade klingelt das Handy. Ich verpasse gerade wieder eine Verabredung. Wegen der Depression und wegen dem Essen. Ich bin zu schwach, um mich aus dem Bett zu bewegen. Seit neun Tagen habe ich nur Eier gegessen. Ich bin ausgelaugt, müde, dumpf, kann im Training keine 10km durchlaufen, geplagt von Magenkrämpfen und paradoxen Stuhlgängen. Ich würde mir so sehr wünschen einfach normal sein zu können. Die Zeit zurück drehen und niemals mit dem Abnehmen anfangen. Was würde ich nicht dafür geben, wenn das möglich wäre. Ich war einmal so ein disziplinierter Mensch. Gut in der Schule, zuverlässig, treu und engagiert. Heute beschäftigt mich nur noch das Essen. Es hat Priorität Nr. 1. Eine traurige Konsequenz aus vielen Jahren Leidensweg. Ich werde meine behandelnden Ärzte so sehr vermissen. Nur ihre Gesichter, ihre Stimmen, ihre Anwesenheit. Ob ich anderswo wohl die gleiche Sympathie für andere Menschen aufbringen kann? Ich würde es mir so sehr wünschen einfach in die Zukunft springen zu können, an einen Zeitpunkt an dem die Umstellungsphase schon vorüber ist und mein Leben wieder in geregelten Bahnen verläuft. Mit sympathischen Menschen. Man lebt schließlich nicht nur für seinen Job. Wichtig sind vor allem auch die Menschen um einen herum. Aber wen habe ich denn hier? Die Ärzte, mein Orchester, meine Mitbewohner. Das war‘s. Sollte doch möglich sein, mir dieses Umfeld auch anderswo aufzubauen. Und meinen zukünftigen Job sollte ich mir unbedingt nach meinen eigenen Fähigkeiten raussuchen. Mir macht der Kontakt zu anderen Menschen viel Spaß. Das verändert mich und holt das Beste aus mir heraus. Deshalb sollte ich mich für diesen Job entscheiden. Mir nun ein anderes Gebiet zu suchen, nur weil es besser bezahlt ist oder hier vor Ort angeboten wird, wäre dich blödsinnig. Ich bin jung und flexibel und sollte mich in alle Richtungen entfalten. Und nicht hierbleiben, nur weil ich mich in ein paar der Ärzte verknallt habe. Der Rest meines Lebens hier lässt sich schließlich problemlos auch anderswo reproduzieren. Und Freunde? Nun ja… so großartigen Kontakt habe ich sowieso nicht. Ein wenig schmerzt es halt schon zu wissen, dass man hier alle Freizeitmöglichkeiten hat, die man sich nur wünschen kann. Auch, wenn ich sie nur wenig nutze. Allein die Tatsache zu wissen, dass sie da sind, gibt schon ein gutes Gefühl. Genug Gelaber jetzt. Was macht die Essstörung? Sie schreit in mich hinein. Ich würde so gerne Mandeln essen. Einfach ein paar ganze Mandeln: knackig, nussig, erfrischend. Aber ich darf nicht. Morgen noch einmal wiegen und dann ab zum Arzt. Der war schließlich meine Motivation, dieses Programm durchzuziehen. Acht Tage nur Eier. Bisher habe ich schon über fünf Kilo abgenommen. Auf 59,3kg. Und zum ersten Mal seit 10 Jahren steht wieder eine fünf vorne! Wie wundervoll! Bis morgen könnten es 58,(irgendwas)kg sein. Das wäre ja noch hammermäßiger. In zweieinhalb Wochen werde ich am nächsten Wettkampf teilnehmen. Bis dahin würde ich gerne wieder auf eine Fleisch-Mono-Diät umsteigen und drei Tage vorher gut mit Kohlenhydraten aufladen. Ich sollte dieses Mal wirklich auf Nummer sicher gehen und keine neuen Versuche unternehmen. Drei Tage lang werde ich mich wohl noch zusammenreißen können. Für den Wettkampf. Die letzten Male habe ich ihn mir mit zweifelhaften Monodiäten und übertriebenem Training bis zum Schluss verbaut. Dieses Mal mache ich es besser. Es ist nur eine Frage der Motivation. Und die habe ich. Sollte ich endlich mal wieder über die Ziellinie kommen, dann werde ich es auf Facebook posten, zusammen mit einem Statement in dem ich aller Welt mitteilen werde, was mir die letzten Monate bedeutet haben. Wie schlecht es mir ging und wie sehr ich gekämpft habe. Keiner weiß, was ich durchmache. Keiner. Selbst der einfühlsamste Arzt wird es nie verstehen. Ich will so gerne raus aus meinem Kopf. Momentan bin ich mit meinem Körper vollständig zufrieden. Ich verehre ihn regelrecht. Oft genug stehe ich vor dem Spiegel und betrachte mich selber mit großem Stolz. Mein Bauch ist flach und muskulös. Die relativ dünne Fettschicht wirft nun eher an den oberen Anteilen Falten und nicht mehr an der tieferen Wampe. Ich habe keine unförmigen Ausbuchtungen mehr. Alles ist genau so, wie es sein soll. Auch meine Beine schrubben nicht mehr aneinander beim Laufen, sonder gleiten angenehm aneinander vorbei. Ich bin perfekt geworden. Und das innerhalb von nur 8 Tagen. Ich brauche mir also auch in Zukunft keine Sorgen mehr um meine Figur zu machen, denn diese 8 Tage waren so einfach, dass ich sie jederzeit immer wieder nach Belieben wiederholen kann. Ich brauche keine Angst zu haben vor dem Carboloading vor dem Wettkampf und auch keine Angst vor der stationären Therapie. Ich kann innerhalb von nur 8 Tagen alles wieder verlieren. Das kommt traurigerweise noch hinzu. Stationäre Aufnahme. Wie ich da so gar keinen Bock drauf habe. Andererseits sollte ich es vielleicht wirklich als Urlaub ansehen und mich einfach hindurch treiben lassen. Und sollte ich doch noch den Wohnort wechseln in naher Zukunft, so werde ich mir dort einfach einen Liebhaber suchen, tanzen gehen, in den Musikverein wechseln, arbeiten. Noch nie im Leben hatte ich Probleme Menschen kennenzulernen. Das werde ich doch auch ab jetzt locker hinbekommen. Ob hier oder da oder dort. Ich bin nicht auf den Mund gefallen, nicht hässlich, nicht dumm. Irgendjemand wird mir irgendwann begegnen. Und dann werde ich nie wieder loslassen. Wie kam ich auf das alles? Genau! Mein Körper ist nicht mehr das Problem. Nun habe ich den Kopf frei, um an meinem Geist zu arbeiten. Doch sowie ich diese Worte schreibe, merke ich bereits, wie es mir deutlich besser geht. Mein Kopf klart auf. Ich sehe wieder das Positive. Ich höre wieder Musik. Ich freue mich auf die Zukunft. Auf einen neuen Job und ein neues Umfeld und auf neue Menschen, die mir etwas bedeuten. Ich muss nicht weit weg. Ich kann einfach in der Nähe bleiben oder in mein ganz altes Leben zurück. Mir steht alles offen. Und ich bekomme langsam wieder Hunger lol.

die Bulimie redet schon wieder mit mir

Und schon wieder will ich essen. Egal was. Hauptsache essen. Dabei tut mir mein Hals noch so weh, dass ich am Liebsten sofort zum Arzt gehen würde. Gestern abend habe ich wieder gebetet, dass ich nicht sterbe. Wenn ich die Nacht überleben würde, dann wolle ich nie wieder einen Fressanfall haben. Solche Angst hatte ich. Mein Herz schlug ganz langsam und mein Brustkorb tat ziemlich weh. Ist es nicht unglaublich, was man in der Dunkelheit der Nacht und mit einem müden Gehirn für Gedanken bekommt? Wirkliche Todesangst hatte ich. Und jetzt am nächsten Morgen tut es zwar noch weh, aber vom Sterben bin ich realistischerweise weit entfernt. Stattdessen will ich essen. Als Bulimiker drehen sich alle Gedanken pausenlos ums Essen. Überall sieht man essbares, überall unwiderstehliches. Das Verlassen der Wohnung wird zur Tortur. Selbst der Gang in die Küche und zum Kühlschrank wird zur großen Gefahr. Jederzeit könnte man die Kontrolle verlieren. Nun habe ich es gestern schon wieder einen Tag lang geschafft, keine Fressattacke zu haben. Von gestern auf heute habe ich immerhin ein halbes Kilogramm abgenommen. Das ist doch eigentlich eine tolle Errungenschaft. Ich bin trotzdem unzufrieden. Mit 64,8kg habe ich ein neues Höchstgewicht erreicht und ich hasse mich selber dafür. Dabei sollte ich immer dran denken, dass ich vor nicht allzu langer Zeit mal 83,5kg gewogen haben. Da bin ich jetzt 20kg drunter!!! Von wegen Höchstgewicht. Auch das ist meine Essstörung, die mir immer wieder Dinge einredet, die gar nicht wahr sind. Du hast Hunger, zum Beispiel. Oder: Dein Körper braucht jetzt Nährstoffe, also iss! Ja, mein Körper braucht Nährstoffe. Aber bestimmt nicht in Form von 5000kcal in nur einer Mahlzeit. Noch immer habe ich die Tüte mit dem Müsli, den Nüssen, den Buletten und den Schokoriegeln auf dem Balkon stehen. Vielleicht sollte ich sie dort lassen, bis alles vergammelt ist und das als Zeichen meiner Willensstärke ansehen. Ich kann das schaffen. Momentan ist zugegebenermaßen der schlechteste Zeitpunkt überhaupt. Ich darf keinen Sport machen, meine Schulter tut weh, mein Hals tut weh, ich muss morgen für zwei Tage verreisen, und am Sonntag ist Muttertag, da muss ich wohl oder übel mit der Familie essen. Alles super unpraktisch. Meine Essstörung sagt: Dann kannst du doch jetzt auch alles essen und nach dieser Zeit wieder von vorne anfangen! Ich sage: Warum sollte ich mir die beschissene Zeit noch mehr verkacken? Essen macht Spaß und beruhigt. So weit hat meine Essstörung natürlich recht. Aber spätestens nach einem Drittel meiner Fressattacke macht Essen keinen Spaß mehr. Dann geht es nur noch darum, so viel wie möglich Essen in mich hinein zu schaufeln, damit ich irgendwann so voll bin, dass ich mich erbrechen kann. Und das tut weh. Niemand kann sich vorstellen, wie unangenehm es sich anfühlt, drei Pizzen und zwei Packungen Kekse und einen großen Kuchen auf einmal zu essen. Dazu noch Nüsse als Vorspeise und einige Schokoriegel als Nachspeise. Meist schaffe ich es gar nicht, alles zu essen, was ich eingekauft habe. Aber wenn ich zu wenig kaufe und nicht ganz voll werde, dann kann ich nicht kotzen. Also kaufe ich lieber zu viel. Und es soll ja dann auch jedes Mal das „allerletzte“ Mal sein. Danach will ich immer mein Leben ändern. Und jedes Mal schafft es meine Essstörung mir das glaubhaft einzureden. Dabei hat es noch nie geklappt. Nur ein einziges Mal. Vor über einem Jahr. Da aß ich einen Sandwich – außerplanmäßig – verlor die Kontrolle und am nächsten Tag war tatsächlich alles vorbei und alles anders. Mein Leben hatte ich sich geändert. Ich hatte keine Essstörung mehr. Ich nahm 10kg ab. Doch mit der Rückkehr zur Normalität kam auch die Rückkehr der Fressattacken. Aus Angst vor Gewichtszunahme lernte ich in mühsamer und schmerzhafter Weise das Kotzen und konnte mein Gewicht dadurch halten. Zeitweise hatte ich jeden Tag Fressattacken. Oder sogar mehrere. Tausende von Kalorien in Form von Keksen und Eis und Nüssen und Kuchen und Tortellini und Pizza verschwanden in meinem Schlund. Und dennoch konnte ich mein Gewicht halten bzw. sogar ein wenig abnehmen. Ich hatte gar keinen Grund mehr aus der Esssucht herauszukommen. Alles war gut so wie es war. Mein Essstörung war glücklich, weil sie jeden Tag ihr Essen bekam und ich war glücklich, weil ich nicht zunahm. Doch was passierte mit meinem Leben außenrum? Es zerfiel in seine Einzelteile. Ich konnte nicht mehr schlafen, mich nicht mehr konzentrieren, nicht mehr Lernen, ich schwänzte das Orchester, vernachlässigte Freunde und das alles nur, um alleine in meinem Zimmer zu fressen und anschließend alleine auf der Toilette zu kotzen. Wobei es mir 80% der Zeit hundsmiserabel ging. Ich will das ändern. Käme ich aus der Esssucht raus, so könnte ich wieder Gewicht abnehmen, regelmäßig Sport betreiben und vor allen Dingen eines: glücklich sein. Einfach mal lächeln, obwohl gar nichts passiert ist. Einfach mal lächeln, weil ich glücklich bin. Wie lange habe ich das schon nicht mehr getan? Es ist eine Weile her. Leider. Momentan tut mir mein Bauch noch etwas weh von der OP, die Schultern auch. Ich sollte mir noch ein paar Tage Ruhe gönnen. Und vielleicht erst am Montag wieder mit dem Sport anfangen. Auch das ist meine Essstörung. So viel wie möglich Sport machen. So lange wie möglich. So viele Kalorien verbrennen, wie ich nur kann. Damit ich dünner werde und schlank aussehe und auf andere einen guten Eindruck mache. Mich selber hat es nie interessiert, was für einen Eindruck ich auf andere mache. Ich bin auch problemlos mit dreckigem T-Shirt oder schlecht sitzenden Hosen auf die Straße gegangen. Gar kein Problem. Doch seit meiner Essstörung bin ich nur noch das wert, was mein Gewicht nach außen hin zeigt. Dabei gibt es genug Leute, die mich auch so mögen, wie ich bin. Gerade heute hat mich ein Kerl ins Kino eingeladen. Er steht ziemlich sicher auf mich. Aber das geht nicht. Erstens gehören meine Träume und Gedanken momentan jemand anderem und zweitens will ich nicht, dass mich jemand anfasst. Ich fühle mich so aufgebläht und dreckig und abstoßend, dass ich mich selber nicht anfassen mag. Nicht an den Hüften, nicht im Gesicht, nicht an den Armen. Der Gedanke, dass mich jemand anderes anfasst ist mir absolut zuwider. Ich weiß, dass auch das nur meine Essstörung ist. Mit einem Gewicht von 64,8kg komme ich auf einen BMI von 21,7kg/m². Das ist im schlankeren Teil der Normalgewichtigen angesiedelt. Ich bräuchte mich also in keinster Weise schlecht fühlen. Vermutlich beneiden mich viele Frauen um mein Gewicht und vermutlich finden Männer mich tatsächlich attraktiv. Aber ich selber kann mich einfach nur hassen. Ich hasse nichts bestimmtest. Es ist nur dieses Gefühl, dass meine Essstörung in mir lebt und an meiner Haut klebt und jede meiner Handlung mitmacht. Ich fühle mich unsauber. Das ist das Problem. Es wird vermutlich noch ein paar Tage dauern, bis ich da wieder draußen bin. Das ist, als würde im Kopf etwas umschalten. Auch, wenn ich bis dahin noch nicht viel an Gewicht verloren habe, so ändert sich doch etwas und ich beginne, meinen eigenen Körper wieder zu lieben. Das passiert dann, wenn ich nicht mehr zu viel esse, wenn ich dann esse, wenn ich Hunger habe und wenn ich dann aufhöre zu essen, wenn ich voll bin. Ganz einfach. Drei Regeln und doch schaffe ich es fast nie, sie einzuhalten. Heute morgen hatte ich schon wieder Hunger. Ein gutes Zeichen. Ich bin auf dem Weg der Besserung. Nur dass meine Essstörung es um ein Haar geschafft hätte, mich da wieder rauszureden. Doch genug des rumheulens. Mir geht es nun wieder gut. Nach dem Redeschwall habe ich mir erstmal eine große Cola Light verdient!

…ein ganz normaler Tag…

Ich will nicht fressen. Nicht jetzt, nicht heute, nicht morgen. Auf dem Balkon steht eine Mülltüte mit Knusper-Früchte-Müsli, Milch, Buletten, Steak-Soße, Honig-Cashews, Haselnuss-Schokoriegeln. Alles könnte ich essen. Es wäre genug, um eine ganze Binge zu füllen und mich danach lange, lange zu übergeben. Es wäre schmerzhaft (das Essen als auch das Kotzen). Ich würde mich selber hassen. Ich WILL mich selber hassen. Das war der letzte Gedanke, bevor ich meine letzte Binge begonnen habe. Ich WILL mich selber hassen?!?! Was ist das denn für eine Aussage? Ich wollte mich so sehr hassen, dass ich wieder ein neues Leben anfangen würde, aber das hat ja noch nie geklappt. Seit über 10 Jahren. Und davor habe ich auch schon ständig diese Fressattacken gehabt. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass es mal anders war. Wenn Essen da war, dann wurde es gegessen. Erst die Fleisch-Mono-Diät hat da wirklich was daran geändert. In dieser Zeit ging es mir zum ersten Mal wirklich gut. Ich konnte Hunger haben, ich konnte essen, ich konnte an leckeren Sachen im Supermarkt vorbei laufen. Das geht heute alles nicht. Im Supermarkt ist es die Hölle. Schokolade, Kekse, Gummibärchen, alles so verlockend. Aber so verlockend und abstoßend und anziehend und widerwärtig und lecker und ekelhaft. Mein Verhältnis zum Essen ist krank. War es nun schon lange und wird es vermutlich auch immer sein. Das ist traurig. Denn es hat alles kaputt gemacht. Ich war einmal so talentiert. Gut in der Schule, eine gute Klarinettistin, ein disziplinierter Mensch. Und was habe ich jetzt noch davon? Nichts. Ich schwänze ständig Sinfonieorcherster, ich arbeite nicht mehr, ich habe kaum Freunde, das Training unterbreche ich ständig. Ich habe gar nichts mehr. Ich werde nur noch von meiner Essstörung ausgefüllt. Fressen, zu voll fühlen kotzen. Wieder einkaufen gehen, fressen, kotzen, widerlich fühlen, mich selber hassen, wieder von vorne anfangen wollen, fressen, kotzen. Ein ewiger Kreislauf. Ich muss ihn unterbrechen. JETZT. Momentan ist es gerade sehr schwierig, da ich mich beim letzten Kotzen am Ösophagus verletzt habe. Der Haken der Haarspange blieb plötzlich hängen und war auch trotz vorsichtigem Ziehen und Drehen nicht zu entfernen. Erst nach mehreren Versuchen bekam ich ihn mit den Fingern zu fassen und drückte ihn nach unten hin weg. Einen Moment lang dachte ich, das wars. Nun muss ich mit dem Haken im Hals hängend zum Arzt gehen und ihm alles gestehen. Wäre ein witziger Anblick gewesen, so zu meiner Mitbewohnerin zu laufen und sie um Hilfe zu bitten. Dann so den Rettungssanitätern entgegenzutreten und sie ins Krankenhaus zu begleiten und schließlich zu in der Notaufnahme dem Arzt zu begegnen. Die Tatsache, dass ich Bulimikerin bin, wäre auf der Hand gelegen. Keine Ausreden mehr. Keine Lügen, kein Verheimlichen. In dieser Situation wäre die Wahrheit ans Licht gekommen. Doch es kam nicht so weit. Ich habe es mal wieder geschafft mich zu retten. Doch der Preis war hoch. Mit großer Sicherheit habe ich mir ein Loch in den Ösophagus gepiekst. Bei jedem Schlucken verkrampft sich der tiefe Rachen auf schmerzhafte Weise. Es ist so schlimm, dass ich gar nicht mehr essen möchte. Auch nicht trinken oder schlucken. Mein Hals tut bei jedem Druck stark weh und lebst bis in die Ohren spüre ich eine Entzündung. Ich habe dieses Mal wirklich Scheiße gebaut. Sollte ich da jemals wieder von geheilt werden, dann werde ich auf ewig dankbar sein und nie wieder fressen. Hahaha… nie wieder fressen. Schon klar. Aber momentan ist mir wirklich nur wichtig, dass das wieder weg geht. Alles, was ich schlucke, könnte sich in kleinen Teilen auch durch dieses Loch drücken und hinter der Speiseröhre eine schlimme Entzündung auslösen. Eier, Cola-Light, das Müsli, die Buletten mit Soße, die Nüsse und die Schokoriegel von gestern. Teile davon schwimmen vermutlich gerade vor der Wirbelsäule zwischen meinen Halsfaszien rum und lösen eine unschöne Entzündung aus. Wie dumm von mir. Wie dumm, muss man eigentlich sein, um so weit zu gehen? Und danach NOCHMALS zu fressen und zu kotzen. Es ist eine Sucht. Ich kann auch nur bedingt etwas dafür. Für die Sucht kann ich gar nichts. Die ist da, in meinem Kopf, tief in meinem Gehirn verankert. Aber die Tatsache, dass ich nun schon seit über einem Jahr die Heilung zu dieser Sucht kenne und einfach nur zu faul bin, den Prozess durchzuziehen – da kann ich was dafür. Das ist zu 100% meine Schuld. Dabei ist es so einfach. Schreiben. Alles aufschreiben. Und wenn die Gedanken ans Essen kommen, nicht unterdrücken, sondern zulassen. Im Kopf essen. Das reicht der Sucht schon vollkommen und dein Magen bedankt sich unendlich oft, da er nicht gefüllt und überdehnt und anschließend wieder entleert wird, sondern geschont und gut behandelt wird. Heute habe ich nur Eier gegessen. 20 Stück bisher, später nochmal 10. Wären da nicht die Schmerzen beim Schlucken, ginge es mir recht gut. Trotz OP gestern, trotz zwei Löchern im Bauch, trotz verbrutzelter Harnblase, trotz CO2 in den Schultern. Ich fühle mich recht fit. Nur der Hals. Ich habe nächste Woche Dienstag einen Termin beim Hausarzt. Der nimmt mich sehr Ernst und wird auch da was unternehmen, da bin ich sicher. Aber bis Dienstag? Es wird ja nicht besser, sondern immer schlimmer. Wären diese Schmerzen nicht, würde ich schon wieder an Sport denken. Und vermutlich auch wieder ans Essen. Also sollte ich eigentlich ganz glücklich sein, dass es momentan so ist. Wären diese Schmerzen nicht, dann wäre die Mülltüte vom Balkon schon längst auf meinem Zimmerboden ausgebreitet und alles essbare daraus in meinem Schlund verschwunden. Es ist zum Heulen. Wie oft ich das getan habe. Wie oft ich sogar zu der großen Mülltonne im Hof runter gerannt bin, um meine Essensreste vom Tag zuvor wieder herauszufischen. Wie ein obdachloser Penner, zitternd, verzweifelt, nur ans Essen denkend. Und dann in meinem Zimmer alles ohne darüber nachzudenken gegessen. Gummibärchen mit Ketchup vermischt und anderem Müll verschmutzt. Tortellini mit Currysoße und Bleistiftspitzer-Resten, Nüsse mit Haaren dran klebend, Papier mit Mayo durchtränkt… Hauptsache essbar. Oder auch nicht. Hauptsache mein Mund hat etwas zum schlucken. Warum tue ich mir selber das an? Wo ich doch die Lösung seit über einem Jahr habe? Ich werde diese Gelegenheit mit dem Loch in der Speiseröhre nutzen und damit aufhören. Mir kam beim Schreiben gerade der Gedanke an eine Kette mit einem Fischhaken. Wie ein Fisch habe ich mich selber aufgehängt. Sollte ich es schaffen, heute nicht zu essen, dann werde ich den Rest meines Lebens eine Kette mit eben diesem Haken tragen. Gleich mal auf ebay schauen, ob ich was Passendes finde. Und für den Moment habe ich es schon wieder geschafft einer Binge zu entkommen. Yayyyyyy 🙂